Von 1832 bis 1881
1832
Als Johann Hinrich Wichern Das Rauhe Haus gründet, ist Horn ein Dorf mit 600 Einwohnern, sechs Kilometer vor den Toren Hamburgs, das damals etwa 100.000 Einwohner hat. Senatssyndikus Karl Sieveking besitzt hier ein Gut, zu dem auch eine Bauernkate gehört, die von alters her „Ruges Hus“ genannt wird. Wahrscheinlich ist, dass das Haus seinen Namen einem Vorbewohner verdankt.
1832 lernt Wichern als Sonntagsschullehrer die Not im Armenviertel der Hamburger Vorstadt St. Georg kennen. Die Menschen und besonders die Kinder leben hier unter schlimmsten sozialen, hygienischen und - für Wichern nicht weniger schockierend - religiösen Bedingungen. Für Wichern steht fest: Diesen Kindern muss geholfen werden, indem man sie aus den städtischen Elendsverhältnissen herausführt.
1833
Die Stiftungsgründung findet am 12. September im Auktionssaal der Börsenhalle statt. Der Aufruf, das „Rettungsdorf“ zu unterstützen, findet breite Resonanz: Der 25-jährige Theologiestudent Wichern erhält von seinem väterlichen Freund Sieveking nicht nur Geld, sondern auch Grundstück und Haus. Der provisorische Verwaltungsrat konstituiert sich. Sieveking wird Präses, Wichern Vorsteher der „Anstalt“.
Im November beginnt er seine Arbeit, 1834 entsteht bereits ein zweites Haus. 1835 heiratet er Amanda Böhme, die während seiner langen Abwesenheiten Leitungsaufgaben übernimmt. Pädagogisch revolutionär ist das im Rauhen Haus erstmals umgesetzte „Familienprinzip“: zehn bis zwölf „Zöglinge“ leben mit ihrem Betreuer, der ihnen wie ein großer Bruder sein soll - daher „Brüder“. Die ersten Brüder kommen 1834. Wichern bildet sie zu „Armenerziehern“ aus.
1839
Am ersten Advent des Jahres 1839 hängt im Betsaal des Rauhen Hauses der erste Adventskranz der Welt, eine Erfindung Wicherns.
Bis die „Mädchenanstalt“ 1879 verlegt wird, gibt es auch Mädchenfamilien im Rauhen Haus. Alle Mädchen werden zu Dienstmädchen ausgebildet und erhalten wie die Jungen elementaren Schulunterricht. Die Jungen werden auf eine handwerkliche Lehre vorbereitet.
Ab 1842 entstehen die Druckerei, der Verlag Agentur des Rauhen Hauses und eine Buchhandlung.
Beim Hamburger Brand 1842 leisten Brüder und Zöglinge tätige Hilfe. Im Betsaal kommen 24 Brandflüchtlinge unter.
1844
Die Begründung eines Ausbildungsinstituts, der „Brüderanstalt“, ist abgeschlossen. Diese Gehilfenausbildung gilt als „Wiege der modernen Sozialarbeiterausbildung“. Die Idee der Gemeinschaft aller im Rauhen Haus ausgebildeten Gehilfen als „Brüderschaft“ findet weltweit Nachahmung.
1844 wird das Gelände durch Zukauf erheblich vergrößert, ab 1850 hat es die heutige Größe von fünf Hektar. 1852 wird ein Pensionat „für ungerathene Söhne höherer Stände“ eröffnet. Die Einrichtung ist eine wichtige Geldquelle.
1848
Die Arbeit des Rauhen Hauses macht überall in Deutschland Schule. Wichern wird zum Begründer dessen, was heute Diakonie ist. Auf dem 1. evangelischen Kirchentag in Wittenberg verpflichtet er die Kirche zu diakonisch-sozialem Handeln. In der unmittelbaren Folge entsteht die Innere Mission, die heutige Diakonie.
Das Rauhe Haus entsendet Felddiakone als Sanitäter in die preußischen Kriege. Andere Brüder setzen sich für Auswanderer ein, unterstützen wandernde Handwerksgesellen, engagieren sich bei der Betreuung von Arbeitern im Eisenbahnbau. Wichern entsendet Stadtmissionare und begründet die Bahnhofsmission. Brüder des Rauhen Hauses finden sich in ganz Deutschland, auch in Übersee.
1874
Wichern legt den Grundstein für ein großes Schulgebäude, ab 1888 trägt es den Namen „Paulinum“. Während der folgenden Jahrzehnte wechselt die Schule häufiger den Status zwischen Realprogymnasium und Realschule. 1927 wird sie in Wichern-Schule umbenannt.
1881
Johann Hinrich Wichern stirbt nach schweren Krankheitsjahren und wird auf dem Hammer Friedhof beigesetzt. Dieser Friedhof ist heute ein historischer Ort mit Gräbern bedeutender sozial engagierter Hamburger.





